Eine eigene Konsole bauen

08.07.2025

Windows ist bei mir zu Hause schon seit Langem auf dem Rückzug. Fast überall läuft inzwischen Linux. Mein Rechner im Büro hat ziemlich lange durchgehalten, weil darauf allerlei Software installiert ist und ich die Arbeit gescheut habe, alles neu einzurichten. Aber selbst da hat Linux Windows inzwischen verdrängt. Die letzte Bastion war der Gaming-PC im Wohnzimmer. Ich habe ihn Steam-Box getauft. Viele Dinge, die leidlich gut funktionieren, bleiben wie sie sind, weil man den Aufwand scheut, diese endlich mal anzugehen. Auch bei der Steam-Box war das so:

  • Windows nervt immer im ungünstigsten Moment mit Updates.
  • Windows nervt, weil ich kein Microsoft-Konto nutze. Wenn dieser Dialog erscheint, wird auch der Controller nicht mehr erkannt und ich muss die Bluetooth-Tastatur aus dem Schrank holen, um den Dialog zu schließen und zu Steam zurückzukehren.
  • Seit neuestem nervt Windows auch mit dem Support-Ende von Windows 10, da Microsoft entschieden hat, dass ein Core i5 6400 nicht mehr unterstützt wird. Ein Software-Update ist also auch keine einfache Möglichkeit, das Leiden in die Länge zu ziehen.
  • HDR hat nie richtig funktioniert, obwohl der Fernseher es eigentlich unterstützen müsste.

Da die Hardware nun schon acht Jahre alt ist, war es ohnehin an der Zeit, sie zu erneuern. Eigentlich spiele ich eher ältere Titel wie Half-Life 2, Deus Ex oder Casual Games wie Tiny Glades, aber trotzdem möchte man auch mal etwas Aktuelles zocken, ohne gleich die Auflösung auf 640 x 480 stellen zu müssen.

Ein Einwand könnte sein, dass neue Hardware auch das Windows-11-Problem lösen würde. Das ist zwar richtig, aber die anderen Probleme würden bestehen bleiben. Außerdem habe ich keine Lust mehr auf Windows. Ich mag den Stil von Microsoft einfach nicht. Ich möchte selbst entscheiden, wann meine Hardware zu alt ist. Mein ThinkPad X270 ist ebenfalls von 2017 und läuft mit Linux heute besser als am Tag der Installation.

Der Plan steht also fest: neue Hardware, aber kein Windows. Steam muss aber sein, denn in den vielen Jahren, in denen ich es nutze, hat sich dort eine große Spielesammlung angehäuft, auf die ich nicht verzichten möchte.

Zunächst dachte ich, ich installiere Linux und Steam selbst. Allerdings hatte ich auch darauf nicht wirklich Lust. Normalerweise verwende ich Linux auf meinen Geräten, weil ich es so anpassen kann, wie ich will. Gnome oder KDE, Stacking- oder Tiling-Window-Manager, was auch immer. Ich kann es so zusammenstellen, wie es mir gefällt. Das ist der größte Vorteil und gleichzeitig der größte Nachteil eines Linux-Desktops. Niemand schreibt einem etwas vor. Aber dafür muss man viele Entscheidungen selbst treffen und die daraus resultierenden Probleme auch selbst lösen. Das macht mir normalerweise Spaß, denn mein IT-Hobby ist zum Glück auch mein Beruf. Wenn ich aber abends noch schnell eine Stunde zocken will, dann möchte ich genau das nicht. Ich möchte ein System, das ich einschalten kann und das dann einfach funktioniert, fertig. Gebaut, angepasst und debugged von jemand anderem.

Volldampf voraus

Zum Glück ist Valve genau in diese Bresche gesprungen. Mit der Ankündigung, SteamOS (das Betriebssystem des Steam Deck) auch für andere Hardware zu öffnen, war der Plan perfekt: Ich suche einfach Hardware aus, die der des Steam Deck OLED nahekommt, spiele SteamOS darauf und habe meine eigene Spielekonsole.

Natürlich könnte ich mir auch einfach ein Steam Deck kaufen. Preislich wäre das ziemlich identisch, aber der IT-Nerd in mir will es selbst zusammenschrauben. Und etwas mehr Leistung ist in Zukunft bestimmt auch nicht schlecht.

Hardwareauswahl

  • AMD Radeon 7600 XT (16GB Sapphire Radeon RX 7600 XT Pulse OC Aktiv)
    Die Karte bietet ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und ist mit 16 GB VRAM auch relativ zukunftssicher. Sie sollte den 4K-OLED-Fernsehers gut befeuern können.
  • AMD Ryzen 5 5500
    Anstelle der 4/8 Cores beim Steam Deck hat diese CPU 6/12 Cores für etwas mehr Reserven. Auch hier war das Preis-Leistungs-Verhältnis ausschlaggebend. Es handelt sich um die Version ohne eingebaute Grafikeinheit, da wir ohnehin eine GPU verbauen wollen.
  • Gigabyte AMD A520 So.AM4 DDR4 Mini-ITX
    Ich habe für die alte Steam Box schon ein Gehäuse für ein Mini-ITX-Mainboard. Daher musste es wieder so eines sein. Das von Gigabyte war das mit dem besten Preis und dem wenigsten, unnötigen Bling-Bling.
  • Crucial RAM 32GB (2x16GB) DDR4 3200MHz CL22
    16 GB hätten es im Moment bestimmt auch getan. Aber etwas mehr schadet nicht.
  • 1TB KIOXIA Exceria Plus G3 M.2 2280
  • 700 Watt be quiet! System Power 9 CM Modular
    Ja, das Netzteil ist ziemlich groß für diese Hardware. Aber das Datenblatt der GPU fordert ein Netzteil mit mindestens 700W.
  • Noctua NH-L9a-AM4
    Der effiziente, flache CPU-Lüfter sorgt dafür, dass alles in das vorhandene Gehäuse passt und der Gehäuselüfter nicht unnötig viel arbeiten muss.

In Summe kostet die Hardware ungefähr das gleiche wie ein 1 TB Steam Deck OLED.

Der Zusammenbau war schnell erledigt: 30 Minuten um alles in das Gehäuse zu schrauben und eine Stunde für das Verlegen der Kabel. Funktioniert hat es auf Anhieb.

Innenansicht des finalen Aufbaus Blick von der Seite auf die Grafikkarte

Softwareinstallation

Jetzt kam der Teil, bei dem ich viel Bastelei befürchtet hatte. SteamOS auf der Hardware zum Laufen zu bringen. Zunächst muss man sich das Recovery-Image von Valve herunterladen und es auf einen USB-Stick aufspielen. Wie das geht hat Valve zum Glück gut beschrieben.

Nach dem Booten vom vorbereiteten USB-Stick dauert es einen Moment, bis ein Linux-Desktop erscheint (keine Panik, wenn der Bildschirm ein paar Sekunden schwarz bleibt). Auf den ersten Blick war ich erleichtert, dass alle Hardwarekomponenten (WLAN, Ethernet, Bluetooth etc.) sofort erkannt wurden. Mit einem Klick auf „Wipe Device & Install SteamOS” startet die Installation von SteamOS. Es öffnet sich ein Konsolenfenster und es läuft einiges an Text durch. Die SSD wird partitioniert, das Betriebssystem-Image kopiert und eingerichtet. Anschließend fragt der Installer, ob neu gebootet werden soll.

Und jetzt kommt der unglaublich langweilige Teil: Das war’s. Ernsthaft: Fertig … Schluss … erledigt. Das System bootet neu, man wählt Zeitzone und Sprache aus, es werden noch ein paar Updates installiert und schon kann man sich mit seinem Steam-Account einloggen. Alle Spiele sind vorhanden und (zumindest bei mir) werden 95 % davon als „Kompatibel mit SteamOS” angezeigt. Proton, die Kompatibilitätsschicht für Windows-Spiele, wird automatisch installiert und konfiguriert. Man muss nichts weiter tun, als die Spiele herunterzuladen und zu spielen. Das hat so gut funktioniert, dass es schon fast gruselig war.

Der Hammer ist: Sogar HDR funktioniert endlich. Einfach so, ohne dass ich noch etwas tun musste. Das Einzige, was ich einstellen musste, war die Auflösung meines Fernsehers. Sonst verwendet SteamOS wohl (verständlicher Weise) die Standardauflösung des Steam Decks.

Fazit

Wenn man bereits Kunde im Steam-Kosmos ist, ist das Steam Deck sicher der einfachste Weg, um eine Erfahrung wie bei einer Spielekonsole zu erhalten. Mit dem SteamOS-Image und geeigneter, Linux-kompatibler Hardware kann man sich aber auch eine Konsole selbst bauen. Das Ganze hat Valve so gut gemacht, dass selbst Umsteiger von Windows oder Mac damit keine Probleme haben sollten.

Finale Ansicht der SteamBox

Linux funktioniert als Gaming-Betriebssystem. Also: Tschüss Windows, es war nett, solange es gedauert hat.

Desktop

Was ich noch nicht ausprobiert habe, ist der Desktop-Modus. Damit lässt sich auf SteamOS ein Desktop starten, auf dem man Flatpacks installieren kann. Der Store auf Flathub ist gut gefüllt. Für gelegentliches Surfen oder das Schreiben eines Briefs sollte er genügen. Allerdings fehlt wohl noch die Unterstützung für Drucker. Doch das kann ja noch kommen.

Für meinen Einsatzzweck als Spiele-Rechner mit minimalem Pflegeaufwand ist SteamOS schon jetzt eine super Lösung.